Die Fehlstellung des großen Zehs ist vor allem für Frauen ein häufiges Problem. Jede dritte plagt sich damit herum. Wir haben Experten nach Ursachen und Behandlungswegen gefragt.

WAS IST DENN DIESER HALLUX VALGUS GENAU?

Auch wenn er nach einem Namen aus einem Asterix Comic klingt, der Begriff benennt exakt das Problem: Der Großzeh (lat. „Hallux“) steht schief (lat. „valgus“). „Das kann soweit gehen, dass der Großzeh unter dem benachbarten Zeh verschwindet oder ihn überlagert“, erklärt Christian Larsen, Arzt und Autor („Gut zu Fuß ein Leben lang“, Trias, 20 Euro) aus Zürich. Im Zuge der Schiefstellung des Zehs verschiebt sich der Mittelfußknochen nach außen in Richtung des anderes Fußes und das Fußgewölbe sinkt ab. Der Vorfuß wird nicht nur breiter, auch der Fußballen tritt sichtbar hervor. Er ist häufig gerötet, weil er am Schuh reibt.

WIE ENTSTEHT DIE FEHLSTELLUNG?
Bei 90 Prozent aller Betroffenen kommt der Hallux valgus in der Familie vor. Eine vererbte Bindegewebsschwäche sorgt im Laufe des Lebens dafür, dass das Gewölbe unter dem Vorderfuß absinkt und ein sogenannter Spreizfuß entsteht. „Nicht aus jedem Spreizfuß wird ein Hallux valgus, ihm geht allerdings immer ein Spreizfuß voraus“, sagt Experte Larson. Verstärkt wird der Prozess durch Übergewicht und das falsche Schuhwerk. Besonders ungünstig sind hohe, schmale und spitze Schuhe, die das Gewölbe zusätzlich schwächen und die Zehen verbiegen. Wie stark der Einfluss der Schuhe auf die Entstehung der Fehlstellung ist, zeigen Studien aus Indien. Landkinder, die dort bis zum Jugendalter barfuß laufen, haben keine Fußprobleme. Ziehen diese Menschen in die Stadt, hat die nächste Generation die gleichen Fußprobleme wie wir.

IST EIN HALLUX VALGUG SCHMERZHAFT?
Da gibt es alles: Manche haben selbst mit stark verformten Füßen kaum Beschwerden, während andere in fast keinen Schuh mehr kommen und bei jedem Schritt aufheulen könnten. Schmerzlindernd und entzündungshemmend wirken Wickel mit ätherischen Ölen (z.B. mit „Retterspitz Äußerlich“), Ringelblumen-Salben (z.B. „Calendumed Salbe N“) oder Ibuprofen-Gels (z.B. „doc Ibuprofen“). Einen entzündeten Ballen schützen zudem Ballenpflaster. Spezielle Zehenspreizer können auch mal (tageweise getragen) Druck von der Stelle nehmen. Als Dauertherapie eignen sie sich aber nicht, weil sie zu einer Schiefstellung der kleineren Zehen führen und so den Hallux valgus verschlechtern können.

SOLLTEN BETROFFENE AUF HIGH HEELS VERZICHTEN?
Christian Larsen ist da nicht ganz so streng: „Solange man nur ab und zu hohe Schuhe trägt, sind sie o.k. – vorausgesetzt, sie überschreiten nicht sieben Zentimeter.“ Der Experte rät zudem: Ein bis zwei Stunden auf High Heels nie ohne gezielte Fußgymnastik danach. Bestimmte Schuhhersteller wie „LaShoe“ bieten eigens Schuhe für Hallux valgus-Geplagte an, die richtig schön und besonders weich sind, sodass die Zehen mehr Platz haben.

KANN MAN VORBEUGEN?
Ja, indem man viel barfuß geht. Flache Böden in der Wohnung sind aber suboptimal: „Einen Trainingseffekt haben vor allem unebene Untergründe, wie Rasen, Sand oder Waldböden, wo die Muskulatur des Fußes gefordert ist“, erklärt Larson. Bei einem bestehenden Hallux valgus ist barfuß gehen dagegen oft schwierig, weil der Fuß dann schnell weh tut.

IST EINE RÜCKBILDUNG MÖGLICH?
Ja. „Bei einem Viertel unserer Patienten bessert sich durch spiraldynamische Übungen der Hallux valgus messbar, bei der Hälfte können wir ihn stabilisieren“, sagt Christian Larsen, der die Spiraldynamik entwickelt hat. Die Bewegungslehre geht auf die Beobachtung zurück, dass sich der Körper bei jeder Bewegung spiralförmig verschraubt. Wer diese natürlichen Spiralbewegungen durch Übungen (z.B. unter Anweisung von Physiotherapeuten, Podologen) wieder aktiviert, kann orthopädische Beschwerden loswerden. Durch das Workout (am Ende des Textes) lernt man intuitiv die korrekte Fußhaltung, die man dann unbedingt in den Alltag überführen sollte, indem man z.B. am Schreibtisch immer wieder die Fersen gerade ausrichtet und die Großzehe in den Boden drückt. „Hilfreich bei Hallux valgus sind außerdem alle Bewegungen, die die Mittelfußknochen wieder auseinandertreiben, wie auf den Zehenspitzen gehen, Seil- oder Trampolinspringen“, ergänzt der Münchner Fußchirurg Christian Kinast.

WANN IST EINE OPERATION RATSAM?
Wenn die konservativen Methoden ausgereizt sind, wenn weder Fußgymnastik noch Schiene eine Verbesserung bringt. „Alle, die sich durch den Hallux valgus wegen der Schmerzen im Leben eingeschränkt fühlen oder die der schiefe Großzeh optisch stört, können eine Operation in Erwägung ziehen“, sagt Fußchirurg Dr. Kinast. Schmerzfreie Füße muss man nicht operieren: „Ein Hallux valgus führt nicht zwangsweise zu einer Arthrose im Zeh, dem Hallux rigidus, bei der das Gelenk versteift.“

WIE ERFOLGREICH IST DER EINGRIFF?
In 85 bis 90 Prozent der Fälle kann dadurch die Fehlstellung beseitigt werden. „Wichtig ist, dass man den Eingriff von einem qualifizierten Fußchirurgen vornehmen lässt, dann ist es unwahrscheinlich, dass der Hallux valgus wiederkommt“, sagt Experte Dr. Kinast. Geeignete Mediziner und Medizinerinnen findet man z.B. auf der „Focus Ärzteliste“ (auf focus-arztsuche.de). „Mittlerweile wird zunehmend minimalinvasiv operiert. Eine offene Operation hat allerdings den Vorteil, dass selbstauflösende Zuckerschrauben verwendet werden können“, erklärt Dr. Kinast. Der Eingriff wird häufig unter Vollnarkose vorgenommen, nötig ist sie aber nicht.

WIE LANGE HAT MAN NACH DER OP SCHMERZEN?
Der Fuß ist wegen seiner vielen Nerven sehr empfindlich, weshalb es eine ganze Zeit dauert, bis er wieder schmerzfrei belastet werden kann. Zwei bis sechs Wochen nach der OP kann man (zumindest mit Hilfe von Krücken) wieder vorsichtig auftreten, in der Zeit trägt man außerdem einen Verbandschuh, der den Fuß stabilisiert. Nach 8 Wochen ist Sport wieder ohne Schmerzen möglich; und nach fünf Monaten sollte der Fuß wieder normal belastbar sein.

WAS NÜTZEN EINLAGEN?
Individuell angefertigte orthopädische Einlagen, die der Arzt verordnen kann, können den Druck vom Fuß nehmen, die Beschwerden lindern und das Fortschreiten des Hallux valgus aufhalten – vorausgesetzt sie sind wirklich dünn und zwängen die Zehen nicht noch zusätzlich ein. Sie haben zudem den Vorteil, dass sich dadurch der Gang wieder normalisiert, was Schmerzen in den Knien und im Rücken vorbeugen kann. Trägt man Einlagen zusammen mit einer „Hallufix“-Schiene, kann sich ein leichter bis mittelschwerer Hallux valgus sogar wieder etwas zurückbilden. Die Schiene (wird auch verschrieben), bugsiert den Zeh wieder sanft in die richtige Richtung.


WORKOUT FÜR STARKE FÜSSE

1. Beinspirale

Sich in Schrittposition hinstellen – 50 cm liegen zwischen dem vorderem und hinterem Fuß – der rechte Fuß ist vorne. Füße, Beine und Hüfte zeigen gerade nach vorne. Gewicht langsam zehn Sekunden lang auf den vorderen Fuß verlagern, dann drei Sekunden lang wieder zurück auf den hinteren Fuß. Das untere Gelenk am großen Zeh sollte dabei stets guten Bodenkontakt haben. Nach vier mal immer die Seite wechseln.

2. Flamingo

Gerade hinstellen. Füße, Knie und Hüfte sind ganz gerade. Abwechselnd zehn Sekunden auf einem, dann auf den anderen Bein stehen. Dabei das untere Gelenk am großen Zeh gut in den Boden drücken.

3. Fußspirale

Hinsetzen, den rechten Fuß auf den linken Oberschenkel legen. Mit einer Hand die Ferse, mit der anderen den Vorfuß festhalten. Jetzt im Rhythmus von 4-8 Sekunden die Fersen nach oben und den Vorfuß nach unten drehen und wieder zurück; so als ob man ein Handtuch auswringt. Nach einer Minute Fuß wechseln.

Jede Übung morgens und abends 5-6 Minuten machen.


NOCH MEHR ÜBUNGEN

Ein 28-tägiges Übungsprogramm gegen die Fehlstellung hat Christian Larsen in seinem neuen Buch „Hallux valgus“ (GU, 15 Euro) zusammengestellt. Wer lieber unter Anleitung trainiert: Unter spiraldy-namik.com findet man Therapeuten in der Nähe

Quelle: freundin 05/2022, Dr. med. Christian Kinast und Christian Larsen als Experten im Interview
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