Unsere Autorin leidet unter der zunehmenden Verflachung:
Als Hallux-Patientin muss sie ihren High Heels Lebewohl sagen und sich mit Einlagen und Fußgymnastik anfreunden. Ihr Weg zur OP

Manche Momente entpuppen sich erst im Nachhinein als eine Art Schicksalsscheidepunkt zwischen dem Davor und dem Danach. Bis zu diesem Party-Abend vor neun Jahren war eigentlich alles okay. Ich hatte Stiefel mit hohen Absätzen getragen, war von der U-Bahn zur Feier gestöckelt, hatte viel getanzt.

Am nächsten Morgen ein übler Kater. Leider nicht im Kopf, sondern am anderen Ende. Es ist mehr als das gängige Frauenfußweh nach einer durchtanzten Nacht. Ein stechender Schmerz im Gelenk unterhalb der großen Zehen, ein Autsch bei jedem Schritt. Ich ahne nicht, dass dies der Beginn eines Nieder-Gangs ist, der sich als schwer aufhaltbar erweisen wird.

I
Tschüss, High Heels

Natürlich greife ich reflexhaft zu flacheren Schuhen und creme mit Sportlersalben dagegen an. Aber der Schmerz bleibt. Das Gelenk ist rot und geschwollen. Ich latsche zum Orthopäden. Und höre, nach Ansicht von Röntgenaufnahmen meiner Füße, zum ersten Mal das irgendwie witzig klingende Wort „Hallux“. Und all die anderen Vokabeln, die mein neuer Begleiter in unsere eingetragene Lebensgemeinschaft mitzubringen gedenkt und die weniger witzig sind: Einlagen. Fußgymnastik. Flache Schuhe. Schließlich das böse Wort Arthrose. Echt jetzt? Ich bin gerade mal Anfang 40. „Das muss nichts sagen“, bedeutet mir der freundliche Orthopäde. „Ich habe Patientinnen mit Anfang 30, die schon unter beginnender Arthrose im Vorderfuß leiden.“

Hallux valgus ist die häufigste Fußdeformation. Schätzungen sprechen von zehn Millionen Hallux-Patienten allein in Deutschland. Rund 80 Prozent davon sind Frauen. Bei ihnen knickt die Großzehe (lat. hallux) im Grundgelenk zur Fußaußenseite hin in eine schiefe (lat. valgus) Stellung. Die Zehenspitze indessen orientiert sich in die Gegenrichtung und verdrängt den zweiten Zeh oder überlagert diesen. Weil der Kopf des beteiligten Mittelfußknochens gegen die Haut und den darunterliegenden Schleimbeutel drückt, verdickt sich der Zehenballen. Die oft massive Ausbuchtung sieht aus wie ein Knochenauswuchs. In Wahrheit ist es ein gehörig in Schieflage geratener Mittelfußknochen.

Auf meinem Röntgenbild kommt besagter Knochen nur leicht schräg daher. Dafür wird in der Seitenansicht sichtbar, dass er Anstalten macht, sich nach oben zu orientieren. Anzeichen eines Hallux rigidus ­ eines sich versteifenden Großzehs. Ursache ist Knorpelabrieb im Großzehengrundgelenk, zu den Folgen zählen Entzündungen im Gelenk und die Bildung von Knochenspornen an dessen Rändern. Rigidus übersetzt man auch mit „unbeugsam“. Wie wörtlich das zu verstehen ist, werde ich noch erfahren.

Einlagen also. Die letzten hatte ich als Schulkind. Jetzt haben sie mich wieder. Der Orthopäde empfiehlt, die Einlagen in möglichst vielen Schuhen zu tragen. „Gibt’s die auch für Pumps?“, frage ich. Er lächelt milde. „Von hohen Pumps sollten Sie sich verabschieden“, sagt er. „Ihre Füße werden es Ihnen danken.“

II
Wollen wir doch mal gehen!

Zu Hause streift mein wehmütiger Blick über das Schuhregal. Auf den schönen Stiefeln, in denen ich zur Wendepunkt-Party marschiert war, liegt bereits eine dünne Staubschicht. Daneben reihen sich weitere Exemplare mit aufschießender Hinterachse. Der Arzt hat Recht. Die hohen Hacken gehen definitiv nicht mehr. Fünf Zentimeter Absatz sind das Maximum ­ und trotzdem nur ein paar Stunden am Stück erträglich. Es heißt Abschied nehmen. Aber so schnell gebe ich mich nicht gänzlich geschlagen. Ich finde eine kleine Manufaktur, die sensomotorische Einlagen herstellt.

Mit kleinen Keilen unter der Fußsohle sollen sie die Nervenbahnen in der Fußsohle stimulieren und so zu einem aufrechteren Gang und weniger Schmerzen beitragen. Das Beste daran: Die sensomotorischen Fußstützen sind deutlich dünner als ihre etwas groben Kassenmodell-Schwestern. „Sie passen auch in Ihre Pumps und Ballerinas“, verspricht der Orthopädie-Techniker, nachdem er meinen Fußdruck gemessen und meine Gangart gefilmt hat. Ich bin beglückt. Zwei Paar Einlagen kosten immer noch weniger als ein paar Designer-Stiefel, also her damit.

Foto © EKramar / shutterstock.com

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III
Neu laufen lernen

Jahre gehen ins Land. Und meine Füße mit ihnen. Ich trage die dünnen Schuheinlagen in Ballerinas ­ das klappt tatsächlich ­ und beim Joggen. Der Effekt der Sensomotorik allerdings hält sich in Grenzen. Die dickeren Einlagen erscheinen mir irgendwie wirkungsvoller. Trotzdem schmerzen die Füße nach langen Märschen oder großer Joggingrunde. Sie beschweren sich, wenn sie zu lange herumstehen müssen, und wehren sich vehement gegen hohe und oder enge Schuhe. Die Verflachung schreitet voran. Im Gegenzug bildet sich auf meinem Vorderfuß eine nun schon mit bloßem Auge sichtbare Anhöhe. Der unbeugsame „rigidus“ macht seinem Namen alle Ehre. Bei einer neuen Einlagenvermessung empfiehlt mir der Orthopädie-Schuhmacher den Besuch einer „Fußschule“, um meine Gangart zu korrigieren. Meine Füße, das bestätigen die Gangart-Analysen, kippen beim Gehen zu stark nach innen. Das liegt unter anderem an einem nicht besonders starken Längs- und Quergewölbe im Fuß. „Einlagen sind nur ein Teil der Lösung“, sagt der Schuhtechniker. „Sie sollten Ihre Füße trainieren.“

Kurze Zeit später finde ich mich mit einem knappen Dutzend anderen Fuß-Schülern in einem Gymnastikraum in München-Giesing wieder. Eine von ihnen ist sogar aus Straßburg angereist, um sich, angeleitet von dem Physiotherapeuten Thomas Rogall, eine neue Gangart anzueignen. „Es gibt“, sagt Rogall, „einen Zusammenhang zwischen den Beschwerden an den Füßen und unserer Art des Gehens.“ Er lässt die Fuß-Eleven auf und ab gehen und erklärt dann ­ sehr diplomatisch ­, was sie besser machen könnten. Mir bescheinigt er einen unübersehbaren Hüftschwung. Nett anzusehen für die Männerwelt, nur leider schlecht für meine Füße und den Rest des Gestells. Ich lerne: Die dadurch verspannte oder bereits verkürzte Fußmuskulatur wirkt sich auch destabilisierend auf das Becken aus. Im ersten Schritt üben wir, die Muskulatur des Quergewölbes aufzubauen, ohne die Zehen einzukrallen. Gar nicht so einfach. Rogall demonstriert richtiges Hinsetzen, hüftbreites aufrechtes Stehen und schließlich einen für das Gewölbe der Füße günstigen Gang: mit aufgerichtetem Becken, geradeaus zeigenden Füßen und Knien. Wer hätte gedacht, dass Gehen so komplex ist. Sogar eine Handtasche störe dabei, erklärt uns Rogall, weil sie eine gewisse Unwucht produziert. Flache Treter statt High Heels, Handtasche und Hüftschwung, ade ­ ich bin ein bisschen ernüchtert. Wahrscheinlich schaut mir nie wieder ein Mann nach. Aber dafür überlebe ich alle leichtfüßig!

IV
Spritzen gegen die Schmerzen

Ich übe mich in Fußgymnastik und im neuen Gehen, wann immer ich daran denke. Aber wie so viele andere Vorsätze werden auch diese vom Gang der Dinge miniaturisiert. Man müsste dranbleiben, täglich üben. Doch wer schafft das schon? Ich lasse es schleifen. Und die Quittung folgt auf den Füßen: Schmerzen nun auch in der Nacht. Ein operierfreudiger Orthopäde empfiehlt kurzerhand die operative Versteifung. Ich bin geschockt, suche einen anderen und lasse mir Cortison und Hyaluronsäure in die betroffenen und, das zeigen neue Aufnahmen, immer enger werdenden Gelenkspalten spritzen. Die Einlagen sind jetzt am Vorderfuß versteift, um diesen zu entlasten. Ich futtere Kurkuma bis zum Gelbwerden, weil das angeblich gut für die Gelenke ist. Balsamiere mit Schmerzgel, tape, mobilisiere. Damit komme ich über weitere zwei Jahre. Joggen geht gut. Radeln sowieso. Liegestützen sind schwierig, weil die großen Zehen immer unbeugsamer werden. Auch tragbare Schuhe sind schwer zu finden. Entweder sie sind bequem und hässlich. Oder chic und qualvoll. „Schuhkonflikt“ nennen das die Orthopäden. Mein Schuhkonflikt scheint so unlösbar wie der Nahostkonflikt: Es gibt keine Lösung, die allen Ansprüchen gerecht wird. Zum Glück sind Sneakers und flache Schuhe gerade so angesagt. Ich trage fast nichts anderes mehr. Trotzdem kommt es immer wieder zu quälenden Attacken. Nach einer langen Wanderung möchte ich heulen vor Schmerz. Bergab bin ich Passagen rückwärtsgegangen, um den Vorfuß zu entlasten. Ich bin ein Bewegungsmensch, fühle mich viel zu jung, um all diese Aktivitäten von meiner Lebenswertliste zu streichen. „Vielleicht denken Sie doch mal über eine Operation nach“, sagt der Orthopäde, der bekannt dafür ist, vorher alle konservativen Therapien auszuschöpfen. Eine Freundin rät mir zu. Sie hat ihren Hallux valgus operieren lassen und ist glücklich mit dem Ergebnis. Ich registriere mich im Hallux-Forum und lese, was andere von ihrer Hallux-rigidus-Operation berichten. Viele bilanzieren, was auch meine Freundin sagt: Hätte ich es nur früher gemacht. Andere allerdings berichten von langen postoperativen Einschränkungen.

V Operation

Fußchirurg Dr. Christian Kinast

Dr. Kinast zählt in der Kategorie „Fußchirurgie“ 2016, 2017, 2018, 2019 und 2020 zu den Focus Top-Medizinern in Deutschland.

Der Münchner Fußchirurg Christian Kinast diagnostiziert einen Hallux rigidus, Grad drei, an beiden Füßen. Vier ist das Maximum. Eine digitale Volumenfotografie zeigt, dass der Gelenkspalt im Großzehengrundgelenk praktisch nicht mehr vorhanden ist. Dafür sind die Höcker auf den Füßen gewachsen, auf dem Röntgenbild sehen sie aus wie kleine Hörner. Kein Wunder, dass ich in keinen Schuh mehr komme. „Eine gelenkerhaltende Operation ist nicht mehr möglich“, erklärt mir der Orthopäde. Ich habe die Wahl zwischen dem Goldstandard der Arthrodese, also der Versteifung des Großzehengrundgelenks mittels einer verschraubten Platte (siehe Seite 49). „Das ist“, sagt Kinast, der mehr als 20000 Füße operiert hat, „die nachhaltigere Lösung. Danach sind Sie Ihre Schmerzen in der Regel los.“ Allerdings ist der Zeh im Grundgelenk dann auch steif. Mir behagt das nicht. Ich entscheide mich für eine Variante, die Kinast im Verlauf seiner OP-Expertise verfeinert hat: die sogenannte Resektionsinterpositionsarthroplastik (RIAP). Dabei werden die knöchernen Hörnchen abgetragen und entzündete Gelenkinnenhaut entfernt. In den Gelenkspalt kommt ein Bio-Implantat aus körpereigenem Fettgewebe und Knochenhaut, die Gelenkkapsel wird locker verschlossen. Er mache das seit 20 Jahren, sagt Kinast, und habe gute Erfahrungen damit gemacht. Ich vertraue ihm. Und beginne mit dem linken Fuß. Vielleicht bringt das ja Glück.

VI
Der neue Fuß

Man hat mich vor den Schmerzen gewarnt. Wegen seines dichten Nervengeflechts ist der Fuß ein Jammer-Kandidat. Dank eines Schmerzblocks habe ich 24 Stunden nach der einstündigen Operation Ruhe. Danach wird es heftig. Am Abend des zweiten Tages brauche ich Morphin, am dritten gehe ich nach Hause. Wobei „gehen“ stark übertrieben ist. Die ersten zwei Wochen wackle ich an Krücken und mit einem Entlastungsschuh, der aussieht wie ein Klodeckel mit Klettverschluss. Aber ich liebe diesen Schuh, weil er Schmerzen im Zaum hält. Ich verbringe zwei Wochen mehr oder minder in der Waagrechten. Danach geht es ohne Gehhilfen und ohne Schmerzmittel, nach drei weiteren trage ich zum ersten Mal Turnschuhe. Was mich beglückt: Das Hörnchen ist verschwunden. Der Fuß, obschon noch geschwollen, sieht jetzt fast aus wie ein ganz normaler Fuß. Die Physiotherapeutin zeigt mir, wie ich die Großzehe mobilisiere und Übungen für das Quer- und Längsgewölbe. Sie erinnern mich an die Fußschule. Hätte ich es mir doch ersparen können, wenn ich tapferer geübt hätte?

Inzwischen sind zwei Monate vergangen. Seit drei Tagen kann ich weite Boots tragen. Zeh und die Region um die überraschend dezente OP-Naht fühlen sich nach wie vor pelzig an. Ein Jahr müsste ich meinem Fuß geben, bis alles komplett verheilt ist, hat mein Operateur gesagt. Erst dann werde ich entscheiden, ob der rechte folgt. Hörnchen hin oder her.

BARBARA ESSER

Quelle: FOCUS-Gesundheit, Ausgabe 03/2020 „Rücken & Gelenke“